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Fünf Minuten Süsse


Samuel Herzog schreibt in der NZZ eine längere Reportage über die Dogon. Der Text geht alle klassischen afrikanischen Dorf-und-Stammes-Klischees und -Probleme durch, aber er macht das auf eine ganz andere Weise als andere Artikel, mit einer Selbstunsicherheit und einem kritischen und sehr unangenehmen Zynismus, der vielleicht hoffen lässt, dass das Verhältnis zwischen westlichen Medien und Afrika doch ein bisschen in Bewegung gekommen ist. Ein interessanter Text in jedem Fall, durchaus lesenwert. Eure Meinung würde mich interessieren.
NZZ: Fünf Minuten Süsse


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Außerdem relevant: Schreiben Sie so über Afrika!

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Ein interessanter Artikel, die zynische Selbstverortung des Autors wirft tatsächlich ein etwas anderes Licht auf die Sache.

Kerleone, was genau macht deines Erachtens aber das Klischeehafte in diesem Artikel aus? Der Feuilletonartikel von Wainaina ist mir bekannt, ich möchte nur gerne wissen, woran du dich stösst.

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Das Klischeehafte ist die Wahl des Themas, das Wahrnehmen von dem, was wir ohnehin schon von Afrika wissen. Nicht umsonst empfiehlt Wainaina ja ausdrücklich die Dogon für einen "gelungenen" Artikel über Afrika. Aber auch einige Formulierungen sind mir aufgefallen, die Spuren aus überholten Diskursen tragen, das hier z.B. klingt wie aus Brehms Tierleben:

"Mitten in den Klippen, an den unzugänglichsten Stellen, nisteten sich vor vielen Jahrhunderten die Tellem ein – ein Pygmäenvolk, das seine geringe Körpergrösse offenbar durch Kletterkünste wettmachte und sich so in der Höhe der Felsen vor physisch überlegenen Feinden in Sicherheit bringen konnte. Irgendwann zwischen dem 10. und dem 15. Jahrhundert liessen sich verschiedene Einwanderer in dem Gebiet nieder und überlagerten die Bevölkerung der Tellem. Über die Jahrhunderte entwickelte sich dann das, was man heute unter dem Namen Dogon-Kultur kennt."

Das ist sicher nicht falsch, wie auch die anderen Beschreibungen vom Autor bezüglich Religion oder Behausung. Das Problem ist nur, dass der Autor möglicherweise diese Klischees gesucht hat und anderes ausgeblendet hat (ich kann das nicht belegen, weil ich nicht dort war, ich sehe nur die auffällige Überschneidung mit anderen Texten aus Afrika). Außerdem bleibt er immer an der Oberfläche, rein visuell beobachtend und taub, materialistisch wie die Ethnologie der 50er und 60er Jahre (Masken, Hütten, Hungerbäuche), vermutlich, weil er die Menschen zu wenig verstand. Das ist journalistisch natürlich immer eine Katastrophe.

Aber wie gesagt, es ist ihm hoch anzurechnen, dass er nicht naiv ist, dass er seine Position selbstkritisch hinterfragt und dass er vor allem ein erstaunliches Schreibtalent hat, denn aus journalistischer Perspektive ist das ein außergewöhnlich aufgebauter Text.

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Die Wahl des Themas
Dem stimme ich zu, ich denke das trifft den Punkt Wainainas gut: Solche Afrikarepräsentationen werden der Komplexität und Vielfalt des Kontinents nicht gerecht. Und die Wahl der Kinder mit Hungerbäuchen reproduziert ein Stereotyp der Hilflosigkeit und Identitätslosigkeit (Die einzelnen "Kinder" haben weder Namen, Geschlecht oder sonst irgendwas besonderes.).

Das Klischeehafte als "das Wahrnehmen von dem, was wir ohnehin schon von Afrika wissen" finde ich einen interessanten Punkt, den es weiter zu diskutieren gilt. Ich frage mich, ob der Autor bewusst Bilder reproduzieren möchte (z.B. nachdem er den Artikel von Wainaina gelesen hatte und es richtig machen möchte) oder ob es tatsächlich eine Frage der Wahrnehmung des Autors selbst ist. Wahrnehmung und Ausblendung beruht auf kognitiven Konzepten, ohne die wir Eindrücke nicht verwerten könnnen. Der Topos des Hungerbauchkindes ist wahrscheinlich älter als der Autor selbst. Angenommen, dass der Autor sich vorher nicht besonders kritisch mit Afrikajournalismus beschäftigt hat, könnte es sein, dass ihm dieses Thema am naheliegendsten schien? Oder weil er ohne kritische Beschäftigung alles andere kognitiv ausblendete?

Die Frage bliebe noch zu beantworten, weshalb er ausgerechnet zu den Dogon fuhr, was wir aber nicht wissen können. Es gibt wieder einige grundsätzliche Möglichkeiten: Entweder die Wahl fiel bewusst, um Armutsjournalismus zu betreiben, was Grund zur Kritik wäre. Oder unbewusst aufgrund von unkritisch hinterfragten Konzepten, was Afrika sein soll. Oder er ist einfach hineingeraten.

Egal, was der Grund war, das der Autor mit seinem Bauchansatz und Kamera die Dogon aufsuchte, es ist nur verständlich, dass das Erlebnis emotional sehr aufwühlend war. Dies thematisiert er m.E. sehr gut.

Formulierungen
Auch hier stimme ich zu, die Formulierungen sind tatsächlich ziemlich unreflektiert. Verben wie "einnisten" werden üblicherweise für Tiere verwendet. Nicht, dass der Autor Pygmäen mit Tieren gleichsetzen wollte, aber die Verortung dieser Menschen auf die Naturseite des Zivilisations-Natur-Kontinuums hat ja Tradition. In Europa "nistet" sich niemand ein, ausser man meint dies abwertend.

Ebene der Beschreibung
"Außerdem bleibt er immer an der Oberfläche, rein visuell beobachtend und taub ... vermutlich, weil er die Menschen zu wenig verstand."
Meine Vermutung ist, dass der Autor schlicht zu wenig Zeit dort verbracht hat, um "die Menschen richtig zu verstehen". Der Zeitraum der Erlebnisse könnte sich gut auf nur eine Viertelstunde belaufen, anschliessend ein paar Notizen im Landrover und Abends im Hotelzimmer den Artikel getippt. Ich möchte ihm keine Schludrigkeit vorwerfen. Der Gehalt des Artikels besteht m.E. in der Beschreibung der befremdlichen Begegnung, die sehr interessant gestaltet ist. Auch die sensibelsten EthnologInnen verstehen die Menschen nach einer kurzen Begegnung nicht. Ich schätze, ich würde in derselben Situation und in einer kurzen Zeitspanne auch lediglich eine Gruppe bettelnde Kinder um mich rum wahrnehmen und nicht wissen, wie ich mich verhalten soll.

Die Ethnologie der 50er und 60er
"...materialistisch wie die Ethnologie der 50er und 60er Jahre..."
Als kleine Abweichung am Schluss: Der Pauschalvorwurf eines einseitigen Materialismus an Die Ethnologie der 50er und 60er Jahre ist m.E. etwas polemisch. Ich bin kein Kenner der Afrikaethnographien, aber spontan fällt mir als Beispiel Evans-Pritchards "Witchcraft, Oracle and Magic among the Azande" ein. (Ok, das war 1937, aber ich denke, der Vorwurf lässt sich auf diese Zeit ausweiten). Ich habe diese Monographie als beeindruckenden Versuch, die Rationalität von Magie und Hexerei zu rekonstruieren und den Vorwurf der Irrationalität dieser Praxis zu entkräften in Erinnerung. Ist das nicht ein löblicher Versuch, "die Menschen" zu verstehen?

Ein beachtlicher Teil der Ethnographien der ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts argumentiert von einer kulturidealistischen Seite her und hat mit Materialismus nicht wirklich viel am Hut. Materialistische Theorien entstehen, nach vielen Jahrzehnten der Ächtung, als theoretische Strömung in den 1960er und 1970er Jahren wieder. Aber auch deutlichen Materialisten, wie etwa Marvin Harris würde ich keineswegs unterstellen, er verstünde die Menschen nicht.

Man kann den EthnographInnen natürlich unterstellen, sie liessen Individuen aussen vor, aber das ist in meinen Augen kein Materialismus, sondern eine Frage des Grades der Verallgemeinerung auf der Beschreibungsebene.

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Du hast Recht, der Materialismus-Vergleich war nicht präzise. Das Problem ist tatsächlich erstmal nur die Beschreibungsebene. Nur in manchen Fällen (und das kann man schwer beweisen) hat Materialismus und oberflächliche Beschreibung die gleich Ursache: fehlender Einblick in Menschen und Sprache.

Ich hoffe, wir klingen jetzt nicht so, dass man denkt, man darf nicht mehr über Hungerbäuche und Lehmhütten der Dogon schreiben. Das Problem ist nicht der einzelne Artikel, sondern das endlose Wiederholen dieser Perspektive in den westlichen Medien.

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Nochmals: Materialismus ist keine Ursache, sondern eine Grundannahme. Materialistische Theorien verstehen Kultur als Resultat der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner materiellen Umwelt. Idealistische Ansätze verstehen die materielle Umwelt als prinzipiell der kulturellen Interpretation unterworfen. Wer recht hat ist m.E. eine Glaubensfrage.

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