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Das dreipolige Exil


Sogenannte Aussteiger sind ein spannendes ethnologisches Thema, weil sie normalerweise versuchen, von einer Kultur in die andere zu wechseln. Gleichzeitig sind sie ein typisches Phänomen der industriellen Gesellschaft, das immer wieder in neuen Formen auftaucht (Reformbewegung um 1900, Hippies um 1970, Digitale Aussteiger um 2010?). Leider wurde dieses Phänomen noch kaum übergreifend untersucht (mir fällt nur die bemerkenswerte Typologie von drei verschiedenen Formen ein, die Sabine Boomers in Reisen als Lebensform untersucht hat.)
Vor kurzem habe ich bei Arte einen längeren Dokumentarfilm über ein 30 Jahre altes Aussteigerprojekt in Griechenland gesehen. Spannend ist vor allem, was aus den alten ideologisch getriebenen Aussteigern geworden ist. Schnell wird klar, dass es hier verschieden Formen des Scheiterns gibt, aber auch das erfolgreiche Bewältigen des ursprünglichen Plans.

Neben dem eigentlich Aussteigerthema ist mir in diesem Dokumentarfilm aber ein anderes Thema aufgefallen, das nur am Rande berührt wird: Was bedeutet so ein Projekt für die Kinder der Aussteiger? Teilweise leben sie noch dort, andere kommen immer wieder zu Besuch. Sie haben aber alle etwas gemeinsam: Die nach Sehnsüchten und ideologischen Kriterien der Eltern ausgerichtete Lebensform wurde zu ihrer ersten kulturellen Heimat. Anders als normale Exilanten haben sie also drei Pole, aus denen ihre Identität sich schafft: Neben dem Aussteigerort mit seinen spezifischen Lebensformen die umgebende Gastkultur und die alte Heimat der Eltern. Ein ähnliches Phänomen konnte ich im indischen Auroville beobachten, wo ich einige Kinder von Aussteigern befragt hatte (die dazugehörige Audio-Slideshow wurde nie veröffentlich, kann aber auf meiner Seite angeschaut werden). Lisa meinte zu mir, dass sie erst in der achten Klasse angefangen hat, herauszufinden, was Indien eigentlich ist.

Meine These wäre hier: Egal wie diese Kinder heute zu dem Aussteigerprojekt stehen, es scheint so, dass der außergewöhnlich hohe ideolgische Antrieb der Eltern nicht mehr vorhanden ist. Das kann er auch gar nicht, da diese Ideologie als Antwort auf die industriell geprägte Gesellschaft entstanden ist und diskursiv gesehen nicht von dieser Gesellschaftsform getrennt bestehen kann. Entsprechend sagt eine der Sarakiniko-Kinder: "Wieso muss man auf eine Insel gehen in einem fremden Land, um da glücklich zu werden? Das habe ich nicht verstanden.". Die Pläne und Vorstellungen der Eltern wurden als Alltag erfahren, die entweder übernommen oder abgelehnt wurden. Die ethnologische Frage wäre nun natürlich, wie in einem solchen Setting mit drei Polen Identität und Heimat geschaffen werden.


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