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Seebeben -- Hilfe für Südindien


Der Lehrstuhlinhaber für Ethnologie an der LMU München, Prof. Dr. Matthias Samuel Laubscher, hat die Auswirkungen des Seebebens in Südindien selbst miterlebt und organisiert zusammen mit seiner Frau Direkthilfe, die von 30jähriger Erfahrung und Mitleben an diesem Küstenabschnitt Tamil Nadus informiert ist. Nachfolgend Herrn Laubschers Bericht und Spendenaufruf. Die Bilder des Fischerdorfes sind vor Ort aufgenommen.

 

Am Sonntag, den 26.12.2004, um 9.30 Uhr Ortszeit, hörte ich die Kinder am Strand entsetzt aufschreien. Unsere Haus steht in Südindien, im Ort Peryiamudaliyarchavadi, der zwischen der Stadt Pondicherry und der nördlichen Pondicherry-Exklave Kalapet mit dem Universitätscampus der Pondicherry University etwa 250-300 Meter vom Strand entfernt liegt -- mit freiem Blick aufs Meer. Die Kinder aus dem etwa 150 Meter links von uns beginnenden Dorf Chinnamudlaiyarchavadi schrien so, dass man es nicht ignorieren konnte. Ich schaute zum Fenster aus dem ersten Stock zum Strand und sah die Kinder in Todesangst vor der anrollenden Flutwelle davonrennen. Die Welle hat sich am Strand aufgetürmt, immer höher und höher, 6 Meter bis 19 Meter hoch, genau kann ich nicht abschätzen, ist aber nicht gebrochen. Soweit ich gesehen habe, sind diese Kinder der Flutwelle entkommen. Wenige Meter vor unserem Haus kam sie zum Stillstand.

Das Fischerdorf stand etwa 1.50 Meter hoch unter Wasser. Die vorderste Häuserreihe der Fischerlehmhütten ist eingeknickt, zusammen geborchen und in der Flut versunken. Das Wasser blieb erst einmal im Dorf stehen. Dadurch haben sich die Lehmwände der dahinter liegenden Häuser aufgeweicht. Sie sind in die Knie gegangen und eingebrochen. Weil weitere Flutwellen befürchtet wurden, haben wir unser Haus evakuiert, sind in unser Auto gestürzt, haben neben meiner Frau und meiner Tochter noch zehn Tamilen dazugeladen und sind auf die hinter dem Dorf liegende Anhöhe von Auroville geflohen. Mit uns sind unübersehbare Menschenmengen zur im Streckenabschnitt von Periyamudaliyarchavadi und Chinnamudaliyarchavadi höher gelegenen East Coast Road, der Verbindung von Chennai bis zur Südspitze, und weiter Richtung Auroville geflohen. Der Flüchtlingsstrom nach Auroville hat über Stunden hinweg nicht nachgelassen. Verstörte, entsetzte Gesichter, Menschen ganz von Sinnen. Einige Weiße sind aus der Strandgegend mit ihren Autos geflohen, ohne Tamilen mitzunehmen. So hat sich der Volkszorn erhoben. An einer Wegkreuzung, an der alle Fliehenden vorbei mussten, hat sich ein etwa 30 Mann starker Trupp von mit Stöcken bewaffneten Jugendlichen und jungen Männern zusammengeschart. Sie haben die Autos und Lastwagen, die keine Tamilen zugeladen hatten, angehalten, die Menschen aus den Wagen gezerrt und mit den Stöcken geschlagen.

Während wir oben in Auroville waren, ist das Wasser mit einem nie zuvor gesehenen Sog zurückgeflutet und hat ins Meer gerissen, was die Flut zuvor erfasst hatte. Das Meer hat sich zwei bis drei Kilometer von der eigentlichen Strandlinie zurückgezogen. Zappelnde Fische blieben auf dem nun trockenen Meeresboden liegen. Danach kamen neue Flutwellen, die aber alle auf dem von uns überschaubaren Strandabschnitt nicht mehr die gleiche Wucht hatten wie die erste. Abends sind etliche Männer wieder ins Dorf zurückgekehrt, auch ich. Die Frauen und Kinder haben die Nacht bei Verwandten, in Notunterkünften oder im Freien verbracht.

Erst am nächsten Morgen, Montag, den 27. Dezember, war es möglich, sich ein erstes Bild von den Verwüstungen zu machen. Im Fischerdorf Chinnamudaliyarchavadi waren 62 Häuser zerstört. Das Nachbarfischerdorf Bommayapalayam, etwa 1.5 km von Chinnamudaliyarchavadi nordwärts gelegen, war vollständig zerstört, ebenso das weitere drei bis 4 km nördlich gelegene Fischerdorf von Kalapet. Von Bommayapalayam bis Kalapet war auch die Küstenstraße über weite Abschnitte überflutet. Der Verkehr auf der East-Coast-Road kam zum erliegen, zumal es noch weiter nördlich eine Brücke weggespült hatte. Bei Mahabalipuram, etwa 50 km südlich von Chennai, steht an der Küste ein Atomkraftwerk in dem Ort Kalpakkam. Auch dieses AKW wurde von den Fluten erfasst. Es wurden offiziell in der Presse am Montag Gebäudeschäden am AKW gemeldet, allerdings sei keine radioaktive Strahlung ausgetreten. Die in Pondicherry verheiratete Tochter Chitra der Tamil-Familie, die bei uns im Haus mitwohnt, hat allerdings von einem Unfall im Atomkraftwerk berichtet. Dies hatte ihr Mann Segar berichtet, und der hörte es von seinem Vetter, der im Atomkraftwerk arbeitet. Ich habe inzwischen mehrmals versucht, eine klare Information vom Deutschen Generalkonsulat in Chennai zu erhalten, bin allerdings telefonisch nicht durchgedrungen.

Am Dienstag bin ich mit der Lufthansa zurück nach München geflogen. Dienstagabend (indische Zeit) hat meine Frau, die mit der Tochter vor Ort geblieben ist, berichtet, es habe den ganzen Tag hindurch Leichen an den Strand gespült. Manche von ihnen von Fischen angefressen. Die Männer der Dörfer seien damit beschäftigt gewesen, die Leichen in Massengräbern zu bestatten.

Meine Frau hat soweit es ihre Möglichkeiten erlaubten Soforthilfe gestartet. Sie hat die Überlebenden des Dorfes, die alles verloren hatten, mit Nahrung versorgt, mit Kleidern, Decken und Matten. Ihre eigenen Mittel werden allerdings bei dem ungeheueren Bedarf rasch aufgezehrt. Deshalb habe ich angefangen, hier über den Verein 'Prana - Deutsch-Indisches Projekt zur interkulturellen Verständigung e.V.' Spenden einzusammeln. Das Finanzamt für Körperschaften in München hat mir bestätigt, dass für die Spendengelder, die jetzt eingehen, steuerbegünstigte Spendenbescheinigungen ausgestellt werden können. Die Spendenquittungen werden allerdings erst gegen Ende Januar zum Versand kommen.

Das Spendenkonto lautet: Kto.Nr. 655861459, BLZ 700 202 70, Hypovereinsbank München. Kontoinhaber: Matthias Samuel Laubscher, Prana-Projekt. Vermerk: "Seebeben"

Die Gelder kommen unmittelbar in Form von Naturalien wie Reis, Kleidung, Decken, Notunterkünften, und wenn die Gelder reichen, auch Fischerbote und Netze (alle Fischerbote und Netze sind zerstört oder versunken!) und schließlich Wiederaufbau der Häuser direkt ohne Verluste den Betroffenen zu Gute. Die Bank hat freie Kontoführung zugesagt. Der Plan ist Hilfe zur Selbsthilfe. Sobald das eine Dorf, Chinnamudaliyarchavadi, wieder über die Gerätschaften zum Fischen verfügt (minimal 6 Boote, pro Boot 3000 Euro, dazu neue Fischernetze), sind die Fischer in der Lage, nicht nur sich selbst wieder zu ernähren. In den Verwandtschaftsbindungen gibt es eine unverbrüchliche Hilfsverpflichtung. Die Verwandtschaftsnetze dieses Fischerdorfes reichen 30 km küstennord- und südwärts. Schnellste Hilfe ist überlebenswichtig. Der Wiederaufbau der 62 Häuser erfordert noch einmal ca. 300 000 Euro.

--Matthias Samuel Laubscher


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